BAZ
9. Juni 2000
Weltkongress, sagen wir, der Otorhinolaryngologen, ins Deutsche gespiegelt: der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte. Wenn da die Fachleute auf Englisch fachsimpeln, macht der Laie gross lange Ohren und spricht von «Fachchinesisch»; die fremde Sprache, die er nicht beherrscht, steht da für die fremde Sache, die er nicht versteht. Aber tatsächlich ist, was da im Englischen so «chinesisch» tönt, ja doch nichts als ureuropäisches Latein und Griechisch. Am Ende des Jahrtausends haben das jugendfrische Englisch und die beiden «alten», so genannten «toten» Sprachen zur neuen Weltsprache der Wissenschaft, besonders der Medizin und der Naturwissenschaft, fusioniert, und ihre Fusion scheint Zukunft zu haben.
Hier das Szenario der babylonischen Sprachverwirrung, in der kein Mensch den andern mehr versteht, dort die Utopie einer wirklichen «Weltsprache», in der wir alle miteinander reden könnten: Dazwischen liegt unsere Wirklichkeit mit ihren vielen Sprachen und Sprachbarrieren, ihrem Sprachenlernen und Vokabelpauken, ihren Legionen von Dolmetschern und Übersetzern. In Europa fallen allmählich die lästigen Zollgrenzen; doch die Sprachgrenzen bleiben unverrückt bestehen, und die Schweiz bezeugt, dass selbst siebenhundert Jahre Bundesstaat querlandein laufende Sprachgräben nicht aufheben können.
Dass wir nicht nur lustvoll-lustlos brummen und knurren, sondern vernünftig miteinander sprechen können, hat uns Menschen zu Menschen gemacht. Freilich: Die Hardware, die Hirne mögen sich noch so gleichen, die Software, die Sprachen sind verschieden. Dutzende oder - je nachdem, wie man zählt - Hunderte von Sprachen, Tausende von Dialekten stehen da seit alters und bis heute nebeneinander, und selbst in den grossen Sprachfamilien wie unserer indoeuropäischen ist von irgendeiner Familienähnlichkeit zwischen dem Indischen und dem Deutschen nichts mehr zu spüren: Da braucht es schon eine Art sprachwissenschaftliche Genanalyse. Je näher wir in diesem Global Village zusammenrücken, desto stärker machen sich die Sprachgrenzen bemerkbar; in Europa taucht der Globetrotter heute fast alle (Flug-)Stunde in einen neuen Sprachraum ein.
Eine Sprache für alle?
Es hat immer wieder Versuche gegeben, aus den verschiedenen Sprachen
eine neutrale, sterile Kunstsprache zu destillieren, eine Sprache ohne
Volk und, vor allem: mit wenigen Regeln und ohne Ausnahmen. Auch die Zahl
solcher Retortensprachen geht in die Dutzende oder - je nachdem, wie man
zählt - in die Hunderte. Die bekannteste ist das seit 1887 propagierte,
auf den romanischen Sprachen aufgebaute «Esperanto», so benannt
nach dem Pseudonym ihres Schöpfers «Der Hoffende», des
polnischen Augenarztes Ludwik Zamenhof (1859-1917).
Die bekannteste? Das wohl; aber kaum einer, kaum eine kennt mehr als
den Namen. Alle diese Entwürfe künstlicher Weltsprachen sind
ja wohl Versuche am untauglichen Objekt gewesen; Sprache ist mehr
als blosse, blanke Information, mehr als 0 und 1, mehr als alle Nullen
und alle Einsen dieser Welt miteinander; Sprache, die vom Ich zum
Du geht, ist etwas viel zu Menschliches, als dass sie sich durch ein seelenloses
Konstrukt ersetzen liesse.
Heute, unter dem Gebot der Political Correctness, schiene solch eine Kunstsprache
vollends ein Ding der Unmöglichkeit. Auf welchem Wortschatz, welcher
Syntax könnte sie, sollte sie aufbauen? Sollten wir uns da einen
interkulturellen Sprachcocktail mit den farbenprächtigsten Schwanzfedern
aus allen grossen Weltsprachen zusammenmixen? Ein Schluck von dem Gebräu,
und wir wären unversehens, augenblicklich wieder beim Turmbau zu
Babel. Und überdies: Müssten wir nicht einer in vielen Jahrtausenden
gewachsenen Sprache geradeso Reverenz erweisen wie einem in vielen Jahrtausenden
entwickelten Genom? Müssten wir nicht vor der künstlichen Verhackstückung
einer natürlichen Sprache geradeso zurückscheuen wie vor der
willkürlichen Manipulation einer natürlichen Spezies?
Ein Jahrtausend Griechisch
Die Wissenschaft hat sich nie auf eine solche Kunstsprache angewiesen gesehen; sie hat seit eh und je ihre besondere geläufige Weltsprache gehabt. Seit dem alten Thales, das heisst seit dem 6. Jahrhundert v. Chr., und bis in die Spätantike hinein hat die Wissenschaft ein volles Jahrtausend lang durchweg Griechisch gesprochen, im Westen des römischen Reiches seit Cicero, das heisst seit dem 1. Jahrhundert v. Chr., zugleich auch Lateinisch. Im Mittelalter ist im römisch orientierten Westen das in fortlaufender Tradition lebendig gesprochene und geschriebene Lateinische zur Weltsprache der Wissenschaft geworden und wieder ein rundes Jahrtausend lang bis ins 18. Jahrhundert hinein geblieben. Nikolaus Kopernikus und Johannes Kepler, Galileo Galilei und Isaac Newton, diese Wegbereiter der neuzeitlichen Wissenschaft, der «Neuen Astronomie» und einer neuen Physik, haben durchweg lateinisch publiziert und in fliessendem Latein doziert und disputiert.
Englisch ist nicht Englisch
Das 18. und das 19. Jahrhundert war die Zeit der Nationalstaaten und
so auch der Nationalsprachen; doch spätestens seit der Mitte
des 20. Jahrhunderts ist das Englische zur allgemein respektierten Weltsprache
der Wissenschaft aufgestiegen - wer weiss, vielleicht wieder für
ein ganzes Jahrtausend. Englisch ist die Sprache der internationalen wissenschaftlichen
Kongresse, englisch die Sprache der eingereichten Papers und der aufgestellten
Posters.
Nun ist Englisch nicht gleich Englisch und ist das Wissenschaftsenglisch
wie jede Wissenschaftssprache so stark mit lateinischen und griechischen
Termini technici angereichert, dass wir geradezu von einem «Anglolatein»
und «Anglogriechisch» sprechen könnten. Die Sprache der
Angeln und Sachsen, von Hause aus eine germanische Sprache, hatte bereits
im Gefolge der Normanneninvasion des Jahres 1066 einen starken Zugang
romanischer, letztlich lateinischer Wörter erfahren. Seit der Renaissance
ist unter dem Zeichen der Wissenschaft ein weiterer mächtiger Zustrom
lateinisch- und griechischstämmiger Wörter in die neuen Sprachen
und so auch ins Englische eingeflossen, und in jüngster Zeit haben
zumal die Naturwissenschaften und die Medizin ihren sprunghaft angestiegenen
Terminologiebedarf stetig aus dem Wortschatz der Alten Sprachen gedeckt.
(Hie und da hat man sich dabei auch vergriffen: Das griechische Wort «bios»
bezeichnet eigentlich das «Leben», das eine Biografie schildert,
nicht das «Leben», das die Biologie erforscht.)
Individuum statt Atom
So kommt es, dass die neue Weltsprache der Wissenschaft zuinnerst, in
ihren Wurzeln und Stämmen, immer noch die alte ist: lateinische und
griechische Termini technici, mit neusprachlichen Deklinations- und Konjugationsendungen
sparsam garniert, mit neusprachlichen Alltagswörtern lesefreundlich
angerichtet. Auf dem Schreibtisch habe ich gerade das neue Buch des Londoner
Neurobiologen Semir Zeki über Kunst und Hirn: «Inner Vision:
An Exploration of Art and the Brain» (auf Lateinisch hiesse das:
«Interna Visio: Exploratio artis et cerebri»); ich steche
nach dem alten Losverfahren hinein und finde auf Seite 18 eine Bildlegende:
«A diagrammatic representation of the consequences of lesions in
area v(ision) 1. The area ist largely located on the medial side of the
hemisphere ...» Die kursiv gesetzten Wörter sind lateinischer
oder griechischer Herkunft, und das Ganze hiesse auf Lateinisch: «Diagrammatica
repraesentatio consequentiarum laesionum in aera v(isionis) 1 occurrentium.
Haec area large collocata est in mediali hemisphaerae latere ...»
Cicero würde diese quasienglische, anglolateinische, anglogriechische
Bildlegende auf Anhieb verstehen und gewaltig staunen, wenn er da beim
Weiterlesen in jeder Zeile zwei, drei oder vier geläufige altsprachliche
Wörter fände, und erst recht, wenn er da auf eigene Prägungen
wie «individuum» oder «quality» stiesse: Wörter,
die er selbst erst aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt
hatte. (Mit dem «individuum», seiner Lehnübersetzung für
das griechische «atomon», hatte er keinen Erfolg; sonst
sprächen wir heute von «Individualenergie» und «Individualraketen».
In der Renaissance hat die Gesellschaftslehre das Wort schliesslich auf
das gesellschaftliche «Atom» übertragen.)
Anglolatein, Anglogriechisch: Die überkommene Sprache der Wissenschaft
hat über die Jahrtausende hin ihre alten Wortstämme, Kopfstücke
und Schwanzstücke bewahrt; sie hat in der Fusion mit den Neuen
Sprachen mächtige Synergien gewonnen und sich auf wunderbare Weise
verjüngt; und sie ist in einem wahren Wörter-Recycling stetig
dabei, aus den altvertrauten Stämmen neue Begriffe zu prägen.
Ein Quäntchen Latein...
Wenn das so ist: Sollten dann die jungen Schülerinnen und Schüler von heute dem Trend zum Trotz doch etwas mehr Lateinisch und etwas weniger Englisch lernen? Gewiss nicht das eine anstelle des anderen; ein gehöriges Quantum Englisch ist eine Conditio sine qua non auch für ein Griechischstudium. But no kidding: Wahr ist erstens, dass die Wissenschaft, zumal die Naturwissenschaft, alias Scientia, alias Science, in Nomenklatur und Terminologie bis heute letztlich lateinisch und griechisch spricht; wahr ist zweitens, dass eben dieser lateinisch- und griechischstämmige wissenschaftssprachliche Wortschatz, wie der angehende Physiker oder Chemiker, Biologe oder Mediziner ihn im Studium brauchte, im Englischunterricht der Gymnasien so wenig figuriert wie Shakespeares Komödien; und wahr ist drittens, dass ein Quäntchen Latein und, wenns luxuriös her- und zugehen soll, auch ein Quäntchen Griechisch zur Orientierung im Spiegelkabinett der Wissenschaft beste Dienste leisten könnte - wenns auch nur um die Frage ginge, wo etwa bei jenen vertrackten, zungenbrecherischen Otorhinolaryngologen die Ohren aufhören und der Hals anfängt?










