HomeWas ist LateinWieso Latein lernenLatein liveDie Sprache LateinDas Leben der RömerGötter und HeldenGames und LinksShopKontaktImpressum und Sponsoren
 
Latein
IV.IV.MMVII  
Pro und Contra: Wer nicht will, soll es nicht lernen...

BAZ
27. März 2000

«Latein in der Schule - das ist schlicht verlorene Lebenszeit», BaZ Nr. 69.

Dass Latein für Herrn Ebel verlorene Lebenszeit war, glaube ich ihm gern. Latein zu lernen ist mühsam und bringt keinen messbaren Nutzen. Nichts liegt näher, als Latein abzuschaffen und durch Informatik zu ersetzen. Latein zu lernen ist, so Herr Ebel, sinnlos, weil Latein so unlogisch ist wie jede andere Sprache, die klassische Bildung leichter im Geschichts- und Kunstunterricht erworben wird, und sowieso Latein ein Sprachruine ohne jegliche Kommunikationsmöglichkeit ist. Mit vergleichbaren Argumenten könnte man allerdings die meisten anderen Schulfächer ebenfalls abschiessen, neben Musik auch Physik und Mathematik, von denen die meisten einige Jahre nach der Matura nur noch einen blassen Schimmer behalten (was ist ein Potenzial, was ein Integral?), und auch Französisch, das die meisten Abiturientinnen und Abiturienten auch nicht sieben Jahre lernen müssten, um in Frankreich ein Mittagessen zu bestellen. Allerdings kann man die Sprachlogik des Lateins nicht mit der Logik der Mathematik vergleichen, und es ist eine Erfahrungstatsache, dass die Analyse von fremdartigen lateinischen Satzgebilden zu einem Niveau an Sprachreflexion führt, das weit höher liegt, als es der heutige moderne Fremdsprachenunterricht - und oft auch der Deutschunterricht - vermittelt, so dass dies bei jeder Beschäftigung mit einer anderen Sprache helfen kann. Eine Sprache ist auch mehr als ein Kommunikationsinstrument, sondern darüber hinaus auch ein Kulturerzeugnis wie eine alte Stadt, die zu kennen bereichern kann, auch wenn man mit niemandem in dieser Sprache sprechen kann. Wer nicht will, soll nicht Latein lernen müssen. Unser Gemeinwesen soll aber dafür Sorge tragen, dass Latein aus unseren Schulen nicht verschwindet.

Latein war - mit Griechisch - zweitausend Jahre lang das Fundament jeder nationalen Kultur in Europa, auch im Mittelalter, in der Aufklärung und im 19. und 20. Jahrhundert, bis zu Sartre, Brecht und Ernst Bloch. Wir können im Jahr 2000 uns entscheiden, hier einen Schlussstrich zu ziehen; ich würde eher dafür plädieren, etwas für unser kulturelles Gedächtnis zu tun.

Andreas Lötscher, Riehen