BAZ
22. April 2000
Mit Martin Ebels Artikel «Latein in der Schule - das ist schlicht
verlorene Lebenszeit» hat die BaZ den Startschuss zu einer Diskussion
des Themas «Latein» gegeben (22. 3. 00). Das Bild,
das Ebel (im Feuilleton!) von diesem Fach zeichnet, könnte negativer
nicht sein: Latein ist unnütz, ja für das Erlernen moderner
Sprachen regelrecht hinderlich. Bildung ist ebensogut durch neusprachlichen
Unterricht zu erlangen. Latein ist elitär und will bloss eine längst
vergangene Klassengesellschaft zementieren. Kurzum, Latein ist von gestern.
Erfreulicherweise sind sofort auch positive Stellungnahmen gefolgt, zuerst
«Das Latein lebt und kann sogar
Spass machen» von Raphael Zehnder (25./26. 3.) und in der folgenden
Ausgabe (27. 3.) eine ganze Leserseite mit fast
ausschliesslich positiven Zuschriften, einige von Lateinschülerinnen verfasst. Hier sollen nun noch ein paar ergänzende Bemerkungen folgen, die für ein Verständnis des ganzen Problems wichtig sind.
Das Latein hat auch eine ganz praktische, bildungspolitische Dimension. Ebel wettert nicht von ungefähr über die bösen Universitäten, die - für Philosophie, Philologien, Geschichte, Kunst- und Musikwissenschaft und einige weitere kulturgeschichtlich ausgerichtete Fächer - nach wie vor Latein verlangen. Man hört es deutlich heraus: Wenn diese sture Haltung der Hochschulen nicht wäre, wären wir das Latein endlich los. Die Universität bedankt sich für diese Bölimann-Rolle, die sie da übernehmen soll. Es handelt sich beim Lateinobligatorium nämlich keineswegs um einen alten Zopf, sondern es gibt zahlreiche inhaltliche Gründe - sowohl aus sprachlicher als auch aus literarischer Warte -, die etwa in Basel die Philosophisch-Historische Fakultät zu ihrer Mehrheitshaltung in dieser Frage bewegen. Die «Lateinfrage» wird zudem immer wieder fundiert diskutiert, auch gerade in letzter Zeit.
Was hier und derzeit gilt
Latein ist aber nicht nur ein Thema an der Universität. Warum wird
eine solche Diskussion gerade jetzt angekurbelt? Handelt es sich um ein
spezifisch baslerisches Problem? Hier ist sehr wichtig zu wissen, dass
das hiesige Schulsystem einen Teil der «Schuld» daran trägt,
dass die Wahl des Lateins in Basel im Moment ziemlich unattraktiv ist
und die Lateinmaturandenzahlen der ersten MAR-95-Jahrgänge deutlich
tiefer liegen werden als erwartet.
Ein wichtiger Grund ist der, dass Latein (ausser bei Schwerpunkt Griechisch)
zurzeit nur als Schwerpunktfach gewählt werden kann. Wichtig ist
aber auch zu sehen, dass das neue Maturitätsreglement 95 selber,
wenn es nicht sehr geschickt umgesetzt wird (was gewissen Kantonen durchaus
gelungen ist), den Keim zu einem derartigen Lateinproblem in sich trägt.
An den Schulen und an der Universität sind längst Diskussionen
über die neue Situation des Lateins und des Lateinunterrichts im
Gange und Massnahmen in Vorbereitung, damit in zwei Jahren die zusätzlichen
Studienanfänger ohne Lateinmatur an der Universität sinnvoll
empfangen werden können.
Soeben haben auch die Schulleitungen der OS und der Gymnasien gemeinsam
den Handlungsbedarf erkannt und suchen nun, in Verbindung mit universitären
Stellen, nach Lösungen, wobei sogar sanfte Eingriffe in das Schulsystem
kein Tabu mehr zu sein scheinen. Die Zusammenarbeit zwischen Schule und
Universität in dieser Frage ist auch gesamtschweizerisch angelaufen.
Ebel schreibt (und weiss?) von alledem nichts, beklagt aber andererseits
die «katastrophalen mathematisch-physikalischen Vorkenntnisse»
der Maturanden, auf die sich die Schule besser konzentrieren sollte. Da
liegt wohl tatsächlich auch ein Problem. Aber dürfen wir nicht
auch die Frage stellen, ob Juristen, Mediziner, Geisteswissenschaftler
und Theologen in Zukunft wirklich dringender mehr Mathematik und Physik
als Latein brauchen?
Was auch zu hören ist
Mir sind, gerade etwa aus Mediziner- und Juristenkreisen, in letzter Zeit Wortmeldungen zu Ohren gekommen, die in die exakt entgegengesetzte Richtung deuteten. Auch bezüglich des Nutzens der naturwissenschaftlichen Fächer für angehende Naturwissenschaftler hört man angesichts der kurzen Halbwertszeiten der dort vermittelten Inhalte nicht nur Gutes. (Ich möchte die Leute, die solches beurteilen können, sehr eindringlich bitten, sich in Anbetracht der Lage in Zukunft ruhig etwas vernehmlicher zu äussern!)
Worauf es ankommt
Ein weiterer wichtiger Punkt ist der, dass man nicht glauben darf, dass
die vielen verschiedenen und wichtigen Lernziele des Lateinunterrichts
zusammengenommen schon dessen gesamten Wert ausmachen. Ebenso wäre
das Internet mit Knoten, aber ohne Leitungen nicht das Internet. Ebel
zählt fünf Lernziele auf, nämlich Logik, Grammatik, Wortschatzhilfe
für romanische Sprachen, Verständnishilfe für Fremdwörter
sowie Bildung, um dann für jedes einzeln zu argumentieren, man könne
es auch anderweitig erreichen. Mit dieser Argumentation wird der Wert
des Lateinunterrichts aber in keiner Weise geschmälert. Worauf es
eben entscheidend ankommt, ist die Vernetzung dieser Ziele, und der dadurch
mögliche Bonus ist nicht erreichbar, wenn man jedes der Ziele woanders
einkauft. Ich will dies anhand von Ebels Stichworten und spezifisch aus
der Sicht des Sprachwissenschaftlers demonstrieren. Dasselbe wäre
aus der Sicht der vergleichenden Literaturwissenschaft möglich. Gleichzeitig
will ich zeigen, dass Ebels Argumente gegen die vier sprachlichen Punkte
schlicht falsch sind. Den durch Vernetzung erreichbaren Qualitätssprung
in sprachlicher Hinsicht will ich «sprachübergreifendes und
sprachgeschichtliches Denken» nennen.
«Vieles ist im Lateinischen ausserordentlich unlogisch - etwa
die Wortstellung», schreibt Ebel. Ein kurioser Einfall! Die grössere
Freiheit der Wortstellung ist in Tat und Wahrheit ein ganz natürliches
Mittel vieler Sprachen, feinste Bedeutungsnuancen auf sehr effiziente
Weise auszudrücken. Wichtig ist aber vor allem zu sehen, dass das
Latein in diesem Punkt merklich anders ist als die modernen westeuropäischen
Sprachen und dass auch diese durchaus nicht einheitlich funktionieren.
Ist etwa das Französische unlogisch, weil der soeben zitierte Satz
unmöglich mit der deutschen Wortstellung wiedergegeben werden kann:
«Beaucoup est en latin très illogique»?
Was Statistiken verschweigen
Weiter wird behauptet: «Latein ist in grammatischer Hinsicht sogar
hinderlich für das Vertrautwerden mit modernen Fremdsprachen».
Ein Klischee aus den 60er Jahren! Die Erkenntnis, dass die modernen Fremdsprachen
nicht gleich wie das Latein, aber auch untereinander durchaus nicht gleich
funktionieren, ist im Gegenteil wieder höchst lehrreich, etwa dass
gewisse grammatische Kategorien des Lateins auf das Französische
und Englische ausgezeichnet passen (un verre d'eau; a glass of water),
auf das Deutsche jedoch nicht (ein Glas Wasser). Derartige grammatische
Einsichten - speziell auch in die bemerkenswerten Gemeinsamkeiten der
modernen Sprachen, die erst im Kontrast zum Latein richtig deutlich werden
- gewinnt man nicht im modernsprachlichen Unterricht, der heute leider
nur ausnahmsweise über Sprachgrenzen guckt, wohl aber im Latein.
«Etwa 16 Prozent des französischen Grundwortschatzes kommen
aus dem klassischen Latein - wohl nicht genug, um Jahre auf dessen Erlernen
zu verwenden». Dazu kann man nur sagen: Wer Statistiken unbesehen
glaubt, ist selber schuld! Klar, «dumme» Zählungen, die
bloss feststellen, dass aujourd'hui nicht mit lateinisch hodie übereinstimmen
kann oder dass der Vorläufer von influence im klassischen Latein
nicht existierte (sondern erst im Mittelalter), kommen leicht auf tiefe
Werte.
Was man ausserdem lernt
Aber im Lateinunterricht lernt man eben mehr: Man lernt, wie die Wörter gebildet werden. Damit hat man aber jeweils nicht nur ein Wort (z.B. influentia zu influere), sondern gleich eine ganze Menge entsprechend gebildeter Wörter im Sack (tolérance, licence, conscience usw.). Schon steigt der Prozentsatz rapide! Zudem ist zu bedenken, dass der lateinische Wortschatz, auf diese Weise durchschaut, nicht nur für den französischen, sondern ebenso für den italienischen, rätoromanischen, spanischen, portugiesischen Grundwortschatz und, incidentally, für den englischen ausserordentlich nützlich ist. Das hebt seine statistische Relevanz nun gar in höchste Höhen! Für die Fremdwörter in unserer eigenen Sprache gilt dasselbe: tel-quel kommen sie im klassischen Latein sehr oft noch nicht vor, aber das ist gar nicht wichtig. Man lernt im Lateinunterricht ihre Grundlagen, ihre Bildungsweisen und zahlreiche Beispiele von Brücken, die von der Bedeutung eines lateinischen Grundwortes zu dem des heutigen Fremdwortes geführt haben. Zum Beispiel von incidere «hineinfallen» zu incidentally (frz. incidemment). Das ergibt ein zuverlässiges Rüstzeug zu einer erweiterten Art der Sprachbetrachtung, die einen, wenn man sich einmal ein wenig in sie vertieft hat, nie mehr loslässt und zeitlebens immer wieder hübsche Einsichten in die Geschichte unserer modernen Sprachen und speziell ihres Wortschatzes eröffnet.
Was Sprünge bringen
Auch hier wieder sind Sprünge über die Sprachgrenzen besonders
erhellend. Haben Sie sich auch schon gewundert, wenn auf vorgedruckten
Briefumschlägen aus Deutschland steht: «Bitte freimachen!»?
Was soll denn da frei werden? Nun, es handelt sich hier um eine typische
Eindeutschung eines Fremdwortes, nämlich frankieren, ital. francare,
frz. affranchir. Aber heisst denn frank frei? Ach so, ja: frank und frei
(weiter franko, Franchise). Und falls Ihnen beim Wort «Eindeutschung»
die Alarmglocke geläutet haben sollte: Dieser Trick, den Einfluss
der älteren europäischen Kultursprachen zu kaschieren, war schon
im deutschen Mittelalter gang und gäbe. Beispiele dafür sind
Einfluss und Einfall (ihre Vorbilder sind oben genannt). Solches zu wissen,
bewahrt vor vorschnellen historischen Schlussfolgerungen. Dies wird oft
Horizonterweiterung genannt.
Niemand muss heute an der Schule Latein lernen. Man darf aber, und
die Erfahrung zeigt, dass viele Jugendliche, auch solche, die von daheim
gar kein ausgeprägtes Interesse an sprach- und kulturgeschichtlichen
Dingen mitbringen, sich vom Spannungsfeld zwischen schroffer Fremdheit
und vertraulicher Nähe des Lateins zu unseren modernen Sprachen faszinieren
lassen. Später fühlen sie dann oft auch den Reiz, sich mit Werken
auseinanderzusetzen, die seit über 2000 Jahren von unzähligen
Menschen unter verschiedensten kulturellen Voraussetzungen gelesen und
geliebt - oder aber bekämpft (und trotzdem gelesen) worden sind.
Und schliesslich mögen sie vielleicht sogar die gewaltige zeitliche
Dimension, die sie langsam, aber sicher überblicken lernen, intuitiv
als etwas empfinden, das ein Gefühl der Ruhe, des Aufrechtstehens,
der Gesamtschau, und nicht zuletzt auch der Freude vermitteln kann - rare
Güter in unserer Zeit!
Vielleicht ist es ja tatsächlich ein Privileg, in der Jugend einen
solchen Weg unter die Füsse nehmen zu können. Elitär ist
er aber nicht, denn niemand ist heute davon ausgeschlossen. Ich glaube
auch, dass ihn die wenigsten, die sich auf ihn gewagt haben, schliesslich
pauschal als verlorene Lebenszeit abtun werden, obschon er für viele
durchaus steinige Abschnitte bereithält. - Doch irgendwann kommt
ja die reiche Ernte, nicht wahr? Und wann genau, bitte, werde ich das
Ziel erreicht haben? Nun, es gibt leider gar kein Ziel, und die Ernte
ist nicht wägbar! Es handelt sich hier ja weder um einen Investmentfonds
noch um eine Heilslehre. Ganz im Gegenteil, Ziele werden suspekt, erstrebenswerte
Güter fordern plötzlich zu kritischer Hinterfragung heraus.
Das einzige akzeptable Ziel ist der Weg. Nur etwas ist garantiert: Ein
solcher Weg wird ein Leben lang nie langweilig, und zwar egal, welche
berufliche Richtung man schliesslich einschlägt. Denn zur soliden
Ausrüstung, die man mitbekommt, gehört ein weiteres hohes Gut:
Neugierde. (Aber nicht vergessen: Güter sind zu hinterfragen!)
Extraordinarius für griechische, lateinische und indogermanische Sprachwissenschaft an der Universität Basel, zusätzlich Lateinbeauftragter der Philosophisch-Historischen Fakultät und Koordinator des Faches Allgemeine Sprachwissenschaft.










