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Latein
IV.IV.MMVII  
Pro und Contra: Eros: ein bittersüsses unbesiegbares Kriechtier

NZZ
8./9. März 2003

Fragmente aus dem Altgriechisch-Unterricht am Tübinger Uhland-Gymnasium von Angelika Overath

"Da ist ja jedes fünfte Wort unbekannt", protestiert Lorenzo unter seiner roten Wollmütze. "Es gibt wohl welche, bei denen das so ist", sagt Klaus-Arnim Benkendorff, hebt einen Stuhl auf den Tisch und lehnt sich an das improvisierte Stehpult: gross, schlank, im marineblauen Hemd ein Kapitän auf der Kommandobrücke. Sein Meer heisst Xenophon, die Untiefe Anabasis. Eine Passage soll selbständig übersetzt werden. Vor den Schülern liegt ein Originaltext, der fast zweieinhalbtausend Jahre alt ist. Hinter den Fensterscheiben färbt die fahle Sonne die Tübinger Neckarfront der Altstadthäuser. Ein schwerer Schwan fliegt tief vorbei. Verwaschene Winteridylle mit Hölderlinturm.
"Was heisst enteuthen?", ruft David. Das sei bekannt. "Theresa weiss es auch nicht", trotzt Lorenzo mit einer Kehrtwendung zurück zu seinem eigenen Tisch. Der Lehrer gibt nach: "Von dort." - "Und Kränä?" - "Quelle." In das aufgeregte Gemurmel mischt sich langsam ein beruhigendes Summen. Das Schiff hat Kurs genommen. Manche übersetzen halblaut vor sich hin, manche diskutieren raunend: "Ja, zwei Tagesmärsche, zusammen zehn Parasangen!" - "Allein wäre besser", kommt der Appell von vorn. Simon meditiert andächtig über dem Heft seines Banknachbarn Axel. "Wenn du keine Wörter lernst, wie willst du dann einen Text übersetzen?" Die Stimme des Pädagogen setzt nach: "Das ist keine Frage der Intelligenz." - "Doch", sagt Lorenzo.
Die Mädchengruppe am Fenster hat tuschelnd die Köpfe gesenkt, Johanna legt das Kinn in den Webpelzkragen ihrer Jeansjacke wie in ein Gefieder. Marie wahrt bauchfrei Haltung, ein Sternengürtel glitzert über einem Band gebräunter Haut. "Was heisst kerasas?" - "Mischen, vermischen." Und jäh in die kostbare Phase konzentrierter Ruhe platzt die helle Klage: "Also, Herr Benkendorff, ich krieg den Text nicht hin." Der Schulmeister nickt, winkt Lukas zu sich. Seite an Seite, die Finger auf den Buchstaben, übersetzen sie miteinander leise weiter. Meret und Silvia haben sich endgültig zu Coya und Hanna umgedreht und verhandeln möglichen Sinn. Unter dem Neonlicht steht Schulzeit still in jenem ewigen Grau von Linoleumboden, Kunststoff-furnierten Tischen und Holzstühlen, die ihre abgestossenen Metallfüsse spreizen. Die süssliche Luft eines langen Vormittags liegt im Raum, der wie abgegessen daliegt mit den Krümeln und Papierchen vergangener Mühen und Lust.
Lukas kommt vom Schulmeister zurück: "Mit dem ist es total einfach", meldet er dem aufblickenden Johann. "Der sagt nur: Mach mal, und dann geht's." Auf ein stummes Winken ziehen Lorenzo und Simon ans Pult. - "Das ist eine gute Frage", sagt der Lehrer. Simon schaut verdutzt. Lorenzo lacht. Fortschritte sind kleine Schritte.
Dann versuchen sie es alle zusammen. Marie soll beginnen. "Ich habe es nicht verstanden." - "Das kann nicht sein." - Sie hebt an: "Von dort zog er in zwei Tagesmärschen von zusammen zehn Parasangen nach Thymbrion, einer belebten Stadt. Dort war neben der Strasse eine Quelle, die Quelle des Midas hiess." Marie stockt. - "Theresa!" - "Eine Quelle, bei der Midas den Satyr gefangen haben soll." - "Was heisst Oinos?" - "Wein." - Pause. Dann ein nächster Anlauf: "Nachdem er sie . . ." - "Wer sie?" - "Die Quelle." Marie starrt auf das vergilbte Büchlein vor ihr. - "Er will den Satyr fangen, wie macht er das? Der Satyr gehört zu Dionysos. Er giesst also Wein in die Quelle, weil er den Satyr betrunken machen will." Marie lächelt: ". . . bei der Midas den Satyr gefangen haben soll, nachdem er sie mit Wein vermischt hatte. Von dort zog er in zwei Tagesmärschen zu zehn Parasangen nach Tyriaeion, einer belebten Stadt. Dort blieb er drei Tage." - Ärmel und Handballen wischen in kleinen Schreibamplituden über Papier und Tischflächen. Die nächste Klassenarbeit steht bevor. Man kann nie wissen, für was man diese Quelle noch braucht.
"Übrigens hat Simon eben eine interessante Frage gestellt." Der Schulmeister hat einen Kurswechsel beschlossen. "Gehen Sie jetzt weg vom Text, und setzen Sie sich ganz locker hin. Simon hat gefragt: Warum steht das eigentlich da?"
Stühle rücken, Blicke sammeln sich nach vorn. Ein Pausenbrotpapier raschelt. Der Steuermann möchte etwas über die Haltung des Autors Xenophon wissen, deshalb fragt er seine Mannschaft nach Cäsar. "Wie hat Cäsar geguckt?" Die Antworten kommen selbstverständlich. - "Militärisch, sachlich", sagt Axel; "strategisch", sagt Benedikt. "Er sieht, wo man sich gut verschanzen kann", sagt David. - "Und was sieht er nicht?" - "Blumen", sagt Lorenzo. Meret sagt: "Cäsar war verantwortlich. Xenophon war nicht verantwortlich."
Leeres Bildungsgut? Welche Rolle spielte der Athener Aristokrat Xenophon beim Militärputsch des Persers Kyros gegen seinen Bruder, den Grosskönig? Das Ganze ungefähr zwei Generationen nach den Perserkriegen? Wie war das noch? Der Feldzug musste schief gehen, und nachdem alle Generäle ausgefallen waren, wählten die Soldaten Xenophon, damit er sie zurückbringe aus diesem riesigen fremden Grossreich. Und Xenophon schreibt Anabasis, seinen exotischen Erlebnisbericht aus jenem Kleinasien voller Sagen. Mit seiner Armee zieht er heim durch Geschichten. Songlines, hätte Bruce Chatwin gesagt. Xenophon kreuzt mythische Traumpfade.
Aber es geht noch um etwas anderes: "Aus Cäsars Text weht es immer eiskalt. Woher kommt das?", fragt der Schulmeister. - "Er erwähnt ein Tal nur, weil es gefährlich ist hindurchzugehen", sagt Marie. "Er zählt auf, wie viel Beute wer macht", sagt Jörg. Der Schulmeister fährt mit dem Zeigefinger in die Luft, als erscheine da die Schrift: "Am Anfang waren es soundso viele, und am Ende waren es 100 000 weniger. Was mit ihnen passiert ist, erfahren wir nicht; auch das Elend der Frauen und Kinder fällt weg. Bei Xenophon spielt die Individualität eine grosse Rolle, wie hilft der eine dem andern, wie kommt man durch."
Dann geht es weiter, alter Kurs: "Seite zwanzig, Coya, bitte: Kyros aber. Haben Sie das?" - Coya beginnt: "Kyros aber brach von Sardes auf." Sie zögert. Fragend hilft er weiter. "Was heisst echon?" - "Habend", sagt Coya. - "Also?" - Coya versteht: ". . . mit denen, die ich erwähnt hatte, und er zog durch Lydien."
Sie sind sechzehn oder siebzehn Jahre alt und bilden mit zwanzig Schülern die Mischklasse 11 a/b/c des Tübinger Uhland-Gymnasiums. Seit der fünften Klasse lernen sie Latein, seit der siebten Englisch. Ende der achten Klasse hätten sie sich für Französisch entscheiden können. Sie taten es nicht. Sie gehören zu einer bildungsradikalen verschwindenden Minderheit von Jugendlichen, die ausgerechnet Altgriechisch lernen, fünf Stunden die Woche, mindestens drei Jahre lang; manche von ihnen werden das noch weitere zwei Jahre betreiben, bis zum Abitur. Sie lesen Platon und Homer im Original, die Vorsokratiker, griechische Tragödien. Sie spielen Fussball und Counterstrike, gehen in die Disco und in die Bratschenstunde, sie tragen No-Name-Produkte und die Kollektionen von Tommy Hilfiger und Miss Sixty. Es ist nicht wahr, dass sie keine Erfahrungen mit Alkohol oder Haschisch haben, plausibel ist vielmehr, dass sie dabei sind, Grenzen auszuloten. Sie kommen aus Haushalten mit nur einem Elternteil, aus Patchwork-Familien oder aus der heiligen Vielfalt von Vater, Mutter und einer siebenköpfigen Kinderschar. Sie möchten Hirnforscher werden und Sozialarbeiter, Physiotherapeutin oder Schauspielerin, einer will zum Rundfunk, eine andere in eine Tierarztpraxis, die eine schnupperte bei einer Casting-Gesellschaft, der andere in einer Kanzlei. Gemeinsam ist, dass nur die wenigsten von ihnen genau wissen, was aus ihnen werden soll.
Keiner der Klasse möchte Theologie studieren, keiner Archäologie, Fächer, für die sie das Graecum benötigen würden. Erstaunlicherweise haben sich die meisten gegen den Rat ihrer praktischen Eltern für Altgriechisch entschieden. Das kannst du nicht brauchen, war selbst von jenen zu hören, die einst ein humanistisches Gymnasium durchlaufen hatten. Oder anders herum: Frankreich ist unser Nachbarland und ein Wirtschaftspartner, da musst du dich später einmal unterhalten können. Er aber, sagt Jonas, habe keine Lust darauf gehabt, dass das wieder losgehe wie in Englisch: Ich heisse so und so, und wie heisst du? Ihn habe die griechische Geschichte interessiert, die Kultur, die alten Sagen. Und nicht das Sichunterhalten. Klar, sagt dann Lukas, und Französisch lernen wir sowieso, das ist doch keine Frage, aber eben hinterher. In vier Wochen Volkshochschule, sagt Lorenzo. Dann lachen sie.
Griechisch lernen heisst noch einmal Lesen lernen. Die Buchstaben sind fremd. In der neunten Klasse beginnt die Alphabetisierung der Vierzehnjährigen als ein Abc, warum die Götter nützlich sind. Das sieht dann so aus: Di - o - ny - sos - de - to - oi - no - chai - rei. Dionysos erfreut sich am Wein. Her - mes - tus - xe - nus - a - gei. Hermes führt die Fremden. Und Pallas Athene lehrt die Weisheit der Worte. Und Apollon erzieht den Charakter, und Aphrodite und Eros verfertigen das Begehren. Im Schnitt lesen die Schüler die griechischen Wörter nach zwei Wochen fliessend, aber selten so fliessend wie die lateinische Schrift. Das hat sein Gutes. Denn Griechisch lernen heisst in einem grundsätzlichen Sinn Lesen lernen. Vielleicht zum ersten Mal. Es ist ein Sicheinlassen darauf, ein uranfängliches Wort nicht zu verstehen. Es ist eine intellektuelle Ausfahrt mit der Zeitmaschine Text, Tausende von Jahren zurück.
Hopos un esesthe andres axioi. Aus dem Gemurmel schält sich ein Satz. Anselm: "Ich wünsche mir, dass ihr der Freiheit würdige Männer seid." Peter: ". . . dass ihr euch der Freiheit würdig erweisen würdet." - "Hanna!" - ". . . die ihr besitzt und wegen der ich euch glücklich preise." - "Anselm, würdest du nochmals so freundlich sein!" - "Ich wünsche mir, dass ihr euch als der Freiheit würdige Männer erweist, der Freiheit, die ihr besitzt und wegen der ich euch glücklich preise."
Übersetzen prägt Sätze. Und prägt Sätze ein. Sprachliche Varianten stimulieren Feinheiten des Denkens. Sie schärfen die Argumentation, machen Differenzen, also Grenzen bewusst. In den Fluren des Gymnasiums hängen Lieblingssätze, von den Schülern in griechischen Buchstaben und in der deutschen Übersetzung gemalt: Eintagswesen! Was ist einer, was ist einer nicht? Eines Schattens Traum ist der Mensch! (Pindar). Oder: Die beste Art, sich zu wehren: sich nicht anzupassen (Marc Aurel). Oder: Eros: ein bittersüsses unbesiegbares Kriechtier (Sappho). Und zwischen den Angeboten für Ferienkurse und Kuchenverkauf prangt auch die Maxime von Kazantzakis, dem Autor des "Alexis Sorbas": Ich erhoffe nichts, ich fürchte nichts. Ich bin frei.
Die Notwendigkeit des Altgriechisch-Unterrichts lässt sich nicht anders begründen als damit, einem sinnreichen Luxus Raum zu geben. Die Jugendlichen lernen in einer entscheidenden Phase ihrer Entwicklung etwas, das, wie sie wissen, sich einer direkten Verwertung entzieht. Diese Tatsache allein könnte eine Lebensweiche stellen.
Es ist wahr, keiner kann Sokrates mehr fragen, wie's ihm geht. Aber schön ist es, sich Sokrates im Supermarkt vorzustellen, wie er schulterzuckend sagt, was er alles nicht braucht. Und eine Sprache "tot" zu nennen, nur weil sie nicht mehr gesprochen wird, ist das Argument eines Analphabeten. Die Frische des Altgriechischen lebt in den Originaltexten, die zu entziffern sind. Die Logik dieser Schriftstücke bestimmt europäisches Denken und Anschauen des 21. Jahrhunderts, auch da, wo ein Bewusstsein dafür verloren gegangen ist. Und den Kundigen mögen die alten Konflikte weise Fragen und leise Kommentare sein zum modernen Geschehen.
"Dort blieb er dreissig Tage, und da kam Klearchos, der lakedaimonische Flüchtling." - "Hört sich so harmlos an." - Jörg macht einen zweiten Versuch: ". . . der spartanische Verbannte Klearch mit 1000 Hopliten und 800 Leichtbewaffneten und 200 kretischen Bogenschützen . . ." - "Meret!" - "Das Ende hab ich nicht." - "Benedikt!" - ". . . dort machte Kyros in dem Park eine Musterung und eine Zählung der Griechen." - "Und jetzt machen Sie mal eine schöne Übersetzung!" - ". . . und insgesamt waren es 11 000 Hopliten und um die 2000 Leichtbewaffnete." - "Das sind die Griechen", erklärt der Lehrer. Auf Fotokopien mit der Karte des Perserreichs um 500 v. Chr. suchen die Schüler Persepolis. Sie sehen Griechenland als ein mickriges Gekräusel im Westen gegen das mächtige Gebilde eines Grossreichs, das sich unermesslich im Osten dehnt.
"Wie beschreibt der athenische Aristokrat Xenophon den Perser Kyros, mit dem er ein Bündnis eingeht?" - "Westorientiert", sagt Lisa mit dem Nietenhalsband, von Kopf bis Fuss in Schwarz, als sei sie getaucht. - "Aufgeklärt", sagt Jonny und trommelt über den Lack seines Motorradhelms auf dem Tisch. - "Demokratisch", sagt Jörg. - "Demokratisch doch wohl nicht", sagt Lukas, "es wird doch erzählt, wie Kyros den Verräter einfach im Zelt verschwinden lässt, ohne Prozess und alles." - "Wie wird das persische Grossreich charakterisiert?", lotet der Kapitän aus. "Unermesslich gross", sagt Lisa. - "Herden von Sklaven", sagt Johann. - "Despotie des Grosskönigs", sagt Theresa. - "Wahnsinniges Militär, aber unmotiviert", sagt Simon. - "Gegenseitige Bespitzelung", sagt Axel. - "Was versucht also Xenophon mit der Beschreibung von Kyros? Und wie steht Xenophon, der Autor, dann selbst da? Bedenken Sie, das ist ein Athener Aristokrat, ein Schlachtenbummler, der beim Putsch gegen den persischen Grosskönig durch dessen Bruder mitmacht, so etwa 2000 Kilometer von seiner Heimat entfernt." Die Stimmen gehen durcheinander. Peter bringt es auf den Punkt: "Wenn Kyros westorientiert ist, wäre Xenophons Teilnahme am Krieg legitimiert."
Johanna übersetzt, was Kyros zu seinen Soldaten sagt: "Seid euch bewusst . . ." Sie beugt ihren Schwanenhals über Xenophon und sondiert das Terrain. ". . . seid euch wohl bewusst . . . seid euch im Klaren . . . dass ich die Freiheit gewählt habe." - "Coya!" - ". . . dass ich die Freiheit wohl vorzöge gegen alles, was ich besitze, und noch viel mehr." - "Johanna!" - "Seid euch wohl bewusst, dass ich die Freiheit allem, was ich besitze, und noch vielem anderem mehr vorziehen würde." Kurzes Innehalten: "Von welchem politischen System redet der denn?" - "Na, von der Demokratie", sagt Axel. "Und welchen Rang bekommt dieses System in Xenophons Text, wenn es so ausgerechnet vom Bruder des persischen Grosskönigs dargestellt wird?" Sie sind sich einig: Das Lob der Freiheit aus dem Mund des Persers ist gesteigertes Lob. Hinter der Rhetorik des Xenophon aber, auch das sehen sie, stecken die Rechtfertigung des Kriegszugs und die Möglichkeit einer Korrektur des gängigen Perserbildes. Einer Korrektur allerdings, die den westlichen Massstäben verpflichtet bleibt.
"Stimmen Sie mir zu, dass es in diesem Text um die Auseinandersetzung mit einer fremden Kultur geht?" Auf einmal sprechen sie vom Terroranschlag auf Bali, vom westlichen Tourismus auf einer kulturell und religiös ganz anders strukturierten Insel. Und sie fassen das Problem in Thesen. Ohne den Tourismus könnten die Balinesen nicht leben. Oder sie könnten schon, aber nicht nach westlichen Massstäben. Und offen bleibt die Frage, ob es an jeder schönsten Ecke der Erde Wiener Schnitzel geben muss.
Neben den "echten Griechen" gibt es am Uhland-Gymnasium noch die freiwillige Griechisch-AG, die immerhin gut dreissig Schüler umfasst. Es sind ziemlich genau alle die, die Französisch gewählt haben. Sie treffen sich zweimal die Woche jeweils vor offiziellem Schulbeginn morgens um sieben zur Nullstunde, und das zwei Jahre lang. Grund für diesen heroisch zu nennenden Einsatz ist meist ein einziger: Die regelmässige Beteiligung an der Griechisch-AG (die keinen Gebrauch des Aorist vermittelt, dafür aber Elementares zum Aufbau einer griechischen Säule) ist Voraussetzung für die Teilnahme an der Griechenlandfahrt, die die Schule seit 25 Jahren für die Klasse 11 anbietet. Mit Bus und Fähre, Schlafsack und Gaskocher ziehen Schüler und Lehrer gemeinsam drei Wochen durch das Land. Delphi, Olympia, Mykene, Epidauros, Meteora. Sie steigen auf den Parnass und stehen vor Ikonen; sie fassen den Marmor an und berechnen das Tonnengewicht einer optisch gewichtslosen Decke. Sie grillen ein Lamm. In Athen geht man für drei Tage ins Hotel; sonst wird im Zelt geschlafen oder unter freiem Himmel am Strand, im Oliven-, im Orangenhain. Diese Griechenlandfahrt gilt für viele als Höhepunkt ihrer Gymnasialzeit; für manche und manchen mag sie den Ausschlag gegeben haben, gerade dieses Gymnasium zu wählen.
Donnerstag, zweiter Teil einer Doppelstunde. Der wöchentliche Vokabeltest ist geschrieben, die Bildung der liquiden Verben besprochen, ein Stück Xenophon gemeinsam übersetzt. Der Schulmeister teilt ein Gedicht aus: Durs Grünbein, Der Krater des Duris. - "Muss ich das jetzt verstanden haben?", ruft Lorenzo nach dem ersten Überfliegen. - "Nee, du nicht", sagt David. - "Worum geht's?", schreibt der Schulmeister an die Tafel. Und nun lesen sie den Text des Dresdner Lyrikers, Jahrgang 1962, mit der selbstverständlichen Aufmerksamkeit, mit der sie sich Xenophon, Athen, etwa 400 v. Chr., ansehen. - "Das Gedicht sieht aus wie ein Gefäss", sagt Coya. Ja, Duris sei ein Vasenmaler gewesen. "Es geht um Odysseus", sagt Lukas und zitiert: Dieser da der Kerl / mit dem spitzen Bart, der / listig Grinsende. - Ob es um sein Aussehen gehe? - "Schon", sagt Lukas, "aber mehr um sein Verhalten, seinen Charakter, um sein Wesen." Lorenzos Blick geht ins Weite. - "Lorenzo, denkst du mit?" - "Immer!" - "Das stimmt doch nicht! Also, was tut dieser Mann?" Der Kapitän kämpft mit dem Steuer, sein hoher Wellengang heisst Müdigkeit. Benedikt meldet sich: "Odysseus legt sich mit Aias an wegen der Rüstung: Ausgerechnet mit Aias um eine Rüstung viel zu schwer / für ihn will er sich balgen." - "Wo hatten wir das schon mal?" - "Philoktet", sagt Peter.
Das Schiff wird ruhiger, die Konzentration steigt. "Und, ging es Odysseus um die Rüstung, Peter?" - "Nein, die ist ihm viel zu schwer." - "Was ist das Verhaltensmuster?" - "Er sucht die Konfrontation", sagt Anselm. - "Er provoziert", sagt David. - "Er trickst aus", sagt Simon. - "Weiss einer, wie es mit Aias ausgeht?" - "Er begeht Selbstmord, weil die Griechen nicht ihm die Waffen zusprechen", sagt Johanna. - "Und um was geht es hier? Was ist das Wichtigste?" - "Das Schicksal", sagt Meret. - "Odysseus ist ein Modell", sagt Jonny. - "Was meint Tonsprung im Gedicht: Ein Tonsprung scheint's / aus trojanischer Zeit (d. h. kurz bevor dieser Ruinenflüchtling / eifrig das Rad des nächsten Jahrtausends Geschichte in Gang schob: / Aeneas)?" - "Tonsprung meint Zeitsprung in die Gegenwart", sagt Theresa. "Aber auch ein Sprung im Ton, in der Keramik", sagt Coya. "Was meint Ruinenflüchtling?" - "Troja", sagt Peter. - "Troja", erklärt der Lehrer, "wird hier als Keimstätte Roms gesehen. Die Perspektive verschiebt sich nach Westen. Und was machen Sie damit: Als hätte er immer nur Streit / gesucht süchtig nach Schwierigkeiten. Da steht hätte. Er hat nicht! Was ist das Problem? Was ist das "Schicksal" des Odysseus?" Das Schiff hält den Kurs. - "Sein Wesen", sagt Coya und zitiert aus den Grünbein-Versen: Schicksal / Ihr Lieben, ist wie ein Rausch- / gift das lange vorhält. Im Grunde / genügt schon ein einziger Schuss. - Die Pause ist kurz. "Ethos andropo daimon", sagt Theresa, "Heraklit", sagt gleichzeitig David: "Das Wesen ist dem Menschen Schicksal. Sein So-Sein ist dem Menschen Schicksal." Der Schulmeister lächelt. "Silvia! Eifrig das Rad des nächsten Jahrtausends Geschichte in Gang schob, wie klingt das?" - "Nach Daktylen", sagt sie und versucht, den Kaugummi unauffällig aus dem Mund zu nehmen. "Könnten Sie das Ganze jetzt mal lesen?" Sie nickt, sie kann.
Griechisch lernen ist Luxus, wie Gedichte lesen Luxus ist. Wie Langsamkeit Luxus ist. (Denn freilich kann ein Schulmeister in einer Talkshow den ganzen Xenophon in einer halben Stunde abhandeln.) Auch das Stellen der alten ungeklärten Fragen ist Luxus.
Es gibt bildungspolitische Tendenzen, das Schulfach Griechisch zu stärken. Wer Latein und Griechisch bis zum Abitur behält und neben der ersten Pflichtfremdsprache (meist Englisch) noch eine weitere moderne Sprache wählt (etwa Spanisch), dem stehen mit dem "Europäischen Abitur" alle Universitäten Europas prinzipiell offen. Andere Reformen aber machen das unpopuläre Fach noch etwas unpopulärer. Bis anhin hatte ein Schüler nach drei Jahren Altgriechisch automatisch das Graecum im Abschlusszeugnis ausgewiesen, was ihm bei Bewerbungen in manchen Vorstandsetagen zumindest den Exoten-Bonus von humanistischer Bildung brachte. Seit diesem Jahr muss nun für das Prädikat Graecum noch eigens eine Sprachprüfung abgelegt werden. Für den Unterricht bedeutet das mehr Grammatik, mehr Formenlehre und weniger das, was den Griechischunterricht als eine Schulung des Verstehens auszeichnete: Sprechen über die Perspektive eines Texts, Eröffnen von Gedankenfeldern.
Die Frage ist, ob dann noch Zeit dafür bleibt, dass Coya mit ihrem hüftlangen schwarzen Zopf vor der Klasse steht und ein lebhaftes Referat hält über ein antikes Relief (ausgegraben 1936 in Persepolis, jetzt in Teheran), das die zeremonielle Audienz beim Grosskönig zeigt, und dass der nachdenkliche Jonas vom alten Persien spricht oder dass die unermüdliche, zarte Theresa einen Vortrag hält über die Kleinasiatische Katastrophe und die Pontus-Griechen, die als Flüchtlinge vom Schwarzen Meer nach Griechenland kamen und ihre melancholische Rembetika-Musik mitbrachten. Und fraglich auch, ob Schulter an Schulter mit den Seinen der Schulmeister auf dem grauen Linoleum - unter dem für das unbesiegbare Kriechtier immer der Strand liegt - noch einige Sirtaki-Schritte tanzen kann.

Von Angelika Overath