NZZ am Sonntag
18. März 2007
In der Schweiz sind Latein und konservativ fast Synonyme geworden. Zu Unrecht. Als gemeinsame Sprache für Gläubige aus aller Welt hat Latein Zukunft.
Die lateinische Sprache ist in. In vielen modernen Lebensbereichen werden mit grösster Selbstverständlichkeit lateinische Begriffe verwendet. Aus dem Omnibus (für alle) wurde mit der Zeit einfach der Bus. Bei der Bahn spricht man von Inter-Regio-Zügen, also von Zügen, die verschiedene Regionen miteinander verbinden. Video (ich sehe) und Lavabo (ich werde waschen) gehören bereits zum Wortschatz von Kindern.
In den römisch-katholischen Pfarreien in unserem Land dagegen ist die lateinische Sprache im Laufe der durch das Zweite Vatikanische Konzil angeregten Liturgiereform immer mehr verschwunden - entgegen der Weisung der Konzilsväter, dafür zu sorgen, dass die Gläubigen die wichtigsten Gebete in lateinischer Sprache und einfache gregorianische Gesänge kennen.
Latein und konservativ wurden bei uns immer mehr zu Synonymen. Zu Recht? Keinesfalls! Als die theologische Zeitschrift "Concilium" in den achtziger Jahren ein Jubiläum feierte, kamen renommierte Theologen aus aller Welt nach Einsiedeln, darunter Grössen wie Hans Küng, Leonardo Boff und Edward Schillebeeckx. Die Eucharistie wurde in lateinischer Sprache gefeiert, gesungen wurden gregorianische Gesänge.
Während in der Schweiz in den siebziger und achtziger Jahren die kirchlichen 68er Chefideologen hinter jedem lateinischen Wort den Verrat ihrer "Revolution" witterten, sangen in Taizé Tag für Tag junge Menschen aus aller Welt miteinander lateinische Gesänge.
Als der gregorianische Gesang aus den Pfarreien verschwunden war, angeblich, weil der moderne Mensch mit diesen uralten Gesängen in lateinischer Sprache nichts anzufangen wisse, stürmten gregorianische Gesänge monatelang Europas Hitparaden - auch in der Schweiz. Solche Strömungen machen heutzutage nicht einmal mehr vor unseren Landesgrenzen halt.
In den vergangenen Jahrzehnten hat in der Gesellschaft ein enormer Globalisierungsprozess stattgefunden. Für die katholische Kirche ist die Erfahrung einer globalisierten Welt nicht neu, sie ist aber heute - wenn man sich nicht nationalistisch abschottet oder sich ihr nicht bewusst widersetzt - viel intensiver möglich als noch vor ein paar Jahrzehnten. Dank der grossen Mobilität finden heute sehr viele Begegnungen von Gläubigen aus verschiedenen Kulturen und Sprachräumen statt. Bei solchen Begegnungen drängt sich für die Feier der Eucharistie Latein als Sprache der Kirche geradezu als verbindende Sprache auf.
Genau daran erinnert Papst Benedikt XVI. in seinem diesen Dienstag veröffentlichten Schreiben "Sacramentum caritatis". Auf einer einzigen Seite im 140-seitigen Dokument schreibt er über die lateinische Sprache. Im Zusammenhang mit immer häufiger stattfindenden internationalen Treffen sagt der Papst schlicht und einfach: "Um die Einheit und die Universalität der Kirche besser zum Ausdruck zu bringen, möchte ich empfehlen, was die Bischofssynode in Übereinstimmung mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vorgeschlagen hat: Es ist gut, wenn ausser den Lesungen, der Predigt und den Fürbitten der Gläubigen die Feier in lateinischer Sprache gehalten wird; ebenso sollen die bekanntesten Gebete aus der Überlieferung der Kirche in Latein gesprochen und eventuell einige Teile in gregorianischem Choral ausgeführt werden."
"Ganz allgemein bitte ich darum, dass die zukünftigen Priester von der Seminarzeit an darauf vorbereitet werden, die heilige Messe in Latein zu verstehen und zu zelebrieren sowie lateinische Texte zu nutzen und den gregorianischen Choral zu verwenden. Man sollte nicht die Möglichkeit ausser Acht lassen, dass auch die Gläubigen angeleitet werden, die allgemeinsten Gebete in Latein zu kennen und gewisse Teile der Liturgie im gregorianischen Stil zu singen" (Nr. 62).
Nicht mehr und nicht weniger sagt der Papst zur lateinischen Sprache im Gottesdienst.
Diese Forderung ist für die katholischen Bischöfe in der Schweiz eine Selbstverständlichkeit. Bereits im 1998 erschienen Kirchengesangbuch sind die Gebete und Gesänge abgedruckt, die die Gläubigen in lateinischer Sprache kennen sollen.
In den Liturgien, die wir in der Klosterkirche Einsiedeln immer wieder zusammen mit vielen Gläubigen aus verschiedenen Kultur- und Sprachgebieten feiern dürfen, hat die lateinische Sprache täglich einen festen Platz. Mich erstaunt es immer wieder, mit welcher Selbstverständlichkeit Gläubige aus aller Welt das Kyrie, das Gloria, das Credo, das Sanctus, das Pater noster, das Agnus Dei oder die verschiedenen liturgischen Dialoge in lateinischer Sprache mitsingen.
Doch in nicht wenigen Presseorganen war der Lateinpassus im päpstlichen Schreiben die grosse Sensation. Dabei wurden die Aussagen des Papstes über die lateinische Sprache sogar als Aussagen über den römischen Ritus vor der letzten Liturgiereform missverstanden. Kein kleiner Lapsus!
Verschiedene Reaktionen auf die kurze Erwähnung der lateinischen Sprache im Schreiben des Papstes erinnern mich an Krieger, die Monate oder Jahre nach Kriegsende noch nicht realisiert haben, dass eine andere Zeit angebrochen ist. Hatte man bis zur Liturgiereform den Eindruck, dass Gott keine andere Sprache versteht als Lateinisch, kam nach der Liturgiereform scheinbar immer mehr die Überzeugung auf, dass Gott alle Sprachen versteht - ausser Lateinisch. Das Konzil hat beide Sichtweisen überwunden. Die Konzilsväter haben dem Herrgott keine Sprachkenntnisse abgesprochen. Zudem haben sie den Wert der lateinischen Sprache als gemeinsame Sprache der Kirche erkannt. Auch wenn sich diese Einsicht des Konzils offensichtlich noch nicht überall durchgesetzt hat: Papst Benedikt XVI. hat diese Weitsicht.










