Basellandschaftliche Zeitung / MLZ
6. Oktober 2007
Manchmal komme ich in die absonderliche Lage, mir zu überlegen, was mir denn eigentlich von dem vielen, was ich auf dieser oder jener Schule gelernt habe, geblieben ist. Nun also: Den genauen numerischen Wert der Zahl Pi habe ich ebenso vergessen wie das 3er-Abnehmen beim Socken-stricken, ebenso die Namen jener Juraausläufer, ohne die eine Stunde Heimatkunde im Kulturkanton Aargau nicht vollständig gewesen wäre. Und wer mich quälen will, kann mir jederzeit eine Differenzialgleichung vorlegen, und zwar egal, ob sie linear, gewöhnlich oder partikular ist: Trotz X-Jahren Geometrie und höherer Mathematik erinnere ich mich nur mit Grausen an die entsprechenden Quälereien im Mathematikzimmer meiner heimischen Kantonsschule. Diese Abscheu hat sogar vor unserem Nationalautor Max Frisch nicht Halt gemacht, und noch heute ziehe ich einen anständigen "Don Juan" jeder "Liebe zur Geometrie" vor. Item (womit unser von der Liebe zum Schüler leider gar nicht tangierter Mathematiklehrer jeden Satz anzuheben verstand): Man verschone mich mit zweiten und dritten Ableitungen und auch mit allen Tangentenproblemen (und dies, obwohl mich heute Grenzwertprobleme philosophisch sehr wohl interessieren).
Ganz anders hingegen bei der vermeintlich "toten" Sprache Latein: Noch heute kann ich mich im Lob über die Eleganz der lateinischen Ablativ-Konstruktionen verlieren. Und ein ordentliches Zitat - cucullus non facit monachum 1 - an der rechten Stelle hat schon manchem Streit die notwendige Würze gegeben. Acht Jahre, wenn ich mich nicht täusche, hat man mich durchs Latein gejagt. Und keine dieser Stunden war vergebens, auch wenn ich nicht Altphilologin oder Archäologin geworden bin. Es gibt immer wieder eine Lebenssituation - dies diem docet 2 -, bei der man auf die Sentenzen der Alten zurückgreifen kann. So viel anders sind unsere heutigen Probleme nicht, wenn man sie in ihrer menschlichenSubstanz betrachtet. Und den heutigen Erziehungsdirektoren, die den Bildungskanon nicht genügend schnell dem volatilen Marktgeschrei des Zeitgeistes anpassen wollen und ihn mit Frühestenglisch, Steuerrecht und Businessgeschwätz beladen, denen kann ich nur sagen: sancta simplicitas 3.
ES IST NÄMLICH nicht immer so, dass dasjenige, was im Moment vor jedermanns Nasenspitze zu liegen scheint - etwa das sogenannte "Effizienzdenken" -, auch dasjenige ist, was in dreissig Jahren noch von Wert ist und als Investition taugt. Der Wiener Philosoph Ludwig Wittgenstein hat einmal selbstkritisch gesagt: "Möge Gott den Philosophen Einsicht geben in dasjenige, was voraller Augen liegt." Kurzum: Wenn man mich heute danach fragen sollte, was denn "vor aller Augen" liegt, dann würde ich vielleicht antworten: die Notwendigkeit der Weitsicht; dass wir, wenn schon dauernd alles "reformiert" werden muss (was allzu oft mehr mit der epidemischen Innovationslogik des sogenannten "Marktes" zu tun hatals mit einem wirklichen Bedarf), diese Reformen wenigstens mit Bedacht, Weitsicht und Klugheit tun. Und: Man muss nicht alles abschaffen, nur weil es sich seit Jahren bewährt hat. Ich weiss: Das tönt jetzt ziemlich vage und nach jenem lauwarmen Politikerdeutsch, das vor grösseren Wahlen allerorten aus unseren Zeitungsspalten quillt. Aber ich habe in den letzten Jahren - nicht nur an der Universität (dort aber vor allem unter dem leidigen Stichwort "Bologna") - so viele voreilige Reformen mit einem so bedenklichen Resultat gesehen, dass mir jener schöne Rucksack "nutzloses" Latein, den man mir vor Jahrzehnten mitgegeben hat, täglich von grösstem Nutzen ist. An den Reformen erkennt man den Minister - meinetwegen. Aber der gute Horaz hat dazu, immerhin im 1. Jahrhundert vor Christus, schon das Treffende gesagt - parturiunt montes, nascetur ridiculus mus 4. Diese ganzen Absonderlichkeiten adäquat zu schildern, wäre ein hoffnungsloses Unterfangen. Denn wer wollte schon einen so langen und so trockenen Bericht von blumigst begonnenen Reformen lesen, die ein paar Jahr später stinken wie Nieswurz und nur für eines gut sind: nach weiteren Reformen zu schreien.
WIE GESAGT: Wer wollte einen solchen Bericht lesen. Aber auch dafür, für die adäquate Erfassung der Marotten einer Gesellschaft im Dauer-Reformzustand (der Satz selbst ist fast so scheusslich wie das, was er beschreibt), haben die alten Römer schon eine Formel gefunden: satiram non scribere difficile est 5. Oft denke ich mir, der alte Juvenal, von dem die Einsicht stammt, dass Missstände sich am genüsslichsten in einer saftigen Satire niederschlagen, ist seit seinem Tod im 2. Jahrhundert nach Christus keinen Tag älter geworden. Abertausende von Reformen haben seither die Welt beglückt; aber die alten Satiren liest man noch immer. Es gab sogar Zeiten, in denen Montesquieus "Perserbriefe" und Voltaires "Candide" noch zum Lehrstoff an den Mittleren und den hohen Schulen gehörten. Wie gesagt: Es gab. Heute haben wir Reformen. Oh, lasst uns Satiren schreiben!
1 Eine Kutte macht noch keinen Mönch
2 Ein Tag lehrt den anderen; durch Erfahrung wird man klug.
3 Oh heilige Einfalt!
4 Der Berg hat eine Maus geboren.
5 Es ist schwierig, darüber keine Satire zu schreiben.
Die Autorin ist Professorin für Philosophie und Kulturgeschichte an der Universität Zürich, schreibt Bücher und hat überhaupt einen Hang zur Publizistik (u.a. bei der NZZ). Als Philosophinistin ist sie gelegentlich auch bei den "Sternstunden Philosophie" bei SF 1 zu Gast.
Man muss nicht alles abschaffen, nur weil es sich seit Jahren bewährt hat










